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Hinterwald ORF von
Ralf Leonhard
Als ich noch in Lateinamerika lebte und dort als Korrespondent und Mitarbeiter
mehrerer Zeitungen und Radiostationen tätig war, traf ich immer wieder
auf die Teams von ARD und ZDF. Auch sie hatten es nicht immer leicht,
ihre Berichte in den Redaktionen in Köln und Mainz durchzudrücken.
Doch die deutschen Kollegen waren immer bemüht, die Hintergründe
einer Entwicklung auszuleuchten und auf Krisen hinzuweisen, bevor sie
in bewaffneten Konflikten gipfelten. So wie von einem Botschafter erwartet
wird, daß er seine Regierung auf gefährliche Entwicklungen
hinweist, bevor es zur Eskalation kommt, kann man von einem Korrespondenten
erwarten, daß er informiert, bevor Blut fließt. Der ORF leistete
sich selbst während der in Zentral- und Südamerika wirklich
bewegten 80-er Jahre kein Korrespondentenbüro auf dem Subkontinent.
Fernsehteams aus Österreich waren so gut wie nie anzutreffen. Für
Großereignisse kam bestenfalls der Korrespondent aus Washington
angereist.
In Lateinamerika gibt es inzwischen kaum mehr Ereignisse, die den ORF
auf den Plan rufen. Aber auch Afrika und das nicht-industrialisierte Asien
kommen in der österreichischen TV-Berichterstattung so gut wie nicht
vor. Eurozentristisch nennen milde Beobachter das Weltbild unseres öffentlich-rechtlichen
Fernsehens. "Nabelschau" sagen kritischere Geister zur Programmgestaltung.
Das ist keine Schlamperei, sondern System. Am Küniglberg gibt es
eine dezidierte Linie, wonach Eigenproduktionen aus Ländern der Dritten
Welt nur finanziert werden, wenn sie einen Österreich-Bezug haben.
Wer weiß? Wenn wir über unsere Medien mehr über die politischen
Zustände in Ländern wie Nigeria oder Iran erführen, dann
wäre Marcus Omofuma vielleicht heute noch am Leben. Wahrscheinlich
hätten die Wiener weniger Panik bei der Vorstellung, daß die
Gemeindebauten auch für bedürftige Migrantenfamilien geöffnet
werden und es wäre selbstverständlich, daß ausländische
Mitarbeiter an Betriebsratswahlen teilnehmen dürfen.
Der Bildungs- und Bewußtseinsarbeit der verschiedenen entwicklungspolitisch
engagierten Organisationen in ganz Österreich ist es zu danken, daß
das Weltbild der Österreicherinnen und Österreicher nicht im
Hinterwald bleibt. Einem breiten Spektrum von Nichtregierungsorganisationen
(NGOs) ist es gelungen, die Öffentlichkeitsarbeit zum integrierenden
Bestandteil einer staatlichen und nichtstaatlichen Entwicklungspolitik
zu machen. Sie haben sich partnerschaftliche Beziehungen zu den verschiedenen
Teilen der zivilen Gesellschaft in den Ländern des Südens zum
Ziel gesetzt. Durch die Kombination von Spendenaufrufen mit Informationen
über die Ursachen der weltweiten Armut konnten breite Bevölkerungsgruppen
für die Probleme der Länder des Südens und deren internationalen
Zusammenhänge sensibilisiert werden.
Dieser jahrzehntelangen Aufbauarbeit entwicklungspolitisch engagierter
Organisationen stehen jedoch nur allzuoft klischeehafte bis unterschwellig
rassistische Berichte in den österreichischen Massenmedien gegenüber.
Einige Zeitungen vermitteln sogar systematisch ein Bild von der Wirklichkeit,
das die armen Ländern als Gefahr für Sicherheit und Wohlstand
bei uns darstellt. Afrikaner kommen meist nur in Gestalt von Drogenhändlern
vor oder werden als Hungerleider portraitiert, die sich zu einer angeblich
drohenden Flüchtlingswelle zusammenrotten wollen. Menschen anderer
Religionszugehörigkeit gelten pauschal als wildgewordene Fundamentalisten,
die unsere Gesellschaft unterwandern wollen.
Nur allzuoft werden gängige Vorurteile durch hausgemachte Ausländerfeindlichkeit
verstärkt und wichtige Meldungen mehr oder minder bewußt unterdrückt.
Auch werden die Zusammenhänge zwischen dem ökonomischen und
ökologischen Zusammenbruch in den Ländern des Südens ebenso
wenig thematisiert wie die sowohl im Süden als auch im Norden immer
lauter werdenden Proteste zivilgesellschaftlicher Bewegungen am neoliberalen
Umbau durch die internationalen Finanzinstitutionen.
Die Wirtschaftsredaktionen der Massenmedien präsentieren uns die
Finanzwelt meist aus der verkürzten Sichtweise der Shareholders oder
der von den großen Konzernen gesponserten Konsumentenberater, statt
die weltwirtschaftlichen Verflechtungen oder gar Strategien zur Armutsbekämpfung
aufzuzeigen. Auch damit schüren sie, mehr oder weniger bewußt,
die Aggressionen bei uns, denn je weniger wir über die wahren Hintergründe
wissen, desto mehr wachsen die Vorurteile gegen die MigrantInnen und AsylwerberInnen
in Österreich.
Dem ORF kann man nicht einmal vorwerfen, daß er sich den fernen
Kontinenten politisch unkorrekt nähert: er bleibt ihnen überhaupt
fern. Hintergrundberichte, die über mit CNN-Bildern unterlegte Agenturmeldungen
hinausgehen, finden fast nur in Nischenprogrammen statt. Die "Orientierung"
am Sonntag wird nur von einer interessierten Minderheit wahrgenommen.
Magazinsendungen im Abendprogramm widmen sich nur ausnahmsweise außereuropäischen
Themen. Während wir jeden Tag ausführlich über die Befindlichkeit
von Dow-Jones und ATX auf dem laufenden gehalten werden, bleiben uns Ereignisse
aus Afrika und Lateinamerika, die sich nicht durch eine ausreichende Zahl
von Todesopfern für die Nachrichten qualifizieren, zur Gänze
verborgen.
In Deutschland entstand schon Anfang der 90-er Jahre eine Media-Watch
Initiative: Eine Beobachtungsstelle für die Berichterstattung über
die Länder des Südens. Sie zeigt auf, wie durch schlagseitige
Sichtweise, rassistische Untertöne, kolonialistische Arroganz der
Korrespondenten oder bewußte Ausblendung von Teilen der Wirklichkeit
das Bild der sogenannten Dritten Welt in den Köpfen der Medienkonsumenten
manipuliert wird.
Auch bei uns klagen Vertreter von entwicklungspolitischen NGOs, Journalisten
und ganz normale Leser und Seher schon lange über die Qualität
der bzw. den Mangel an Berichterstattung über den Süden. 1998
entwickelte sich schließlich, ausgehend von den wichtigsten entwicklungspolitischen
Organisationen in der Steiermark und der Informationsgruppe Lateinamerika
(IGLA), eine Initiative, die sich nicht nur die Kritik, sondern vor allem
die qualitative und quantitative Verbesserung der Berichterstattung der
österreichischen Medien über entwicklungspolitisch relevante
Themen zum Ziel gesetzt hat. Der hochfliegende Plan, ein permanentes Media-Watch-Büro
einzurichten, mußte bald realistischeren Zielen weichen. Einige
der potentiellen Geldgeber sprangen wieder ab, Sparpaket und Subventionskürzungen
der neuen Regierung blieben auch auf diese Initiative nicht ohne Folgen.
Letzten Endes konnte aber mit Unterstützung der entwicklungspolitischen
Beiräte aus der Steiermark und Niederösterreich eine Studie
über das Vorkommen und die Behandlung des Südens in den Nachrichten-
und Magazinsendungen des ORF finanziert werden.
Beobachtet wurden zunächst die Monate Mai und Juni dieses Jahres.
Daß gerade in diesen beiden Monaten fast in allen Zeit-im-Bild-Sendungen
aus Ländern des Südens berichtet wurde, ist zwei Geiselaffairen
zu verdanken. Das Geiseldrama auf der philippinischen Insel Jolo war fast
täglich Gegenstand der Berichterstattung, weil europäische Urlauber
betroffen waren. Die Gefangennahme mehrerer hundert UNO-Blauhelme durch
Rebellen in Sierra Leone geriet durch die Dimension der Aktion und die
außerordentliche Brutalität des Bürgerkriegs in die Schlagzeilen.
Worum es bei der Geiselnahme der philippinischen Moslemguerilla wirklich
ging, haben wir aus dem Fernsehen nicht erfahren. Der ORF hielt es nicht
für nötig, eine Person abzustellen, die sich in die Materie
hätte einarbeiten können. Vielmehr wurden die täglichen
Kurznachrichten von immer anderen Redakteurinnen oder Redakteuren verfaßt,
die alle Widersprüche der Agenturmeldungen unhinterfragt reproduzierten.
So wie wir wenige Monate vorher wochenlang mit den kleinsten Neuigkeiten
im Fall des kubanischen Flüchtlingsbuben Elián unterhalten
wurden, speiste man uns mit ewig gleichen Bildern aus dem Dschungelcamp
auf Jolo ab. Die einzige Debatte, die uns der ORF auf Grund der Affaire
präsentierte, drehte sich um die Frage, ob Fernreisen jetzt zu gefährlich
werden. Mag sein. Aber Reisen bildet, Fernsehen verblödet.
Dr. Ralf Leonhard ist freier Journalist in Wien. Er arbeitete über
14 Jahre in Lateinamerika.
wieder auffi
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